Was für Jesus Judas war, ist heute Amazon für mich. Ich fühle mich gerade stark verraten von dem Büchermagnat, der mit winzig kleinen Magneten mein heiles Bild von der Welt der Bücher zerstört. Wer es noch nicht mitbekommen hat, Amazon hat sich den E-Book-Anhängern angeschlossen und vor kurzem selbst ein solches Anti-Buch herausgebracht: Kindle. Das kleine Wunderwerk ist nichts anderes als eine tragbare Bibliothek. Toll, oder? Man stelle sich das bildlich vor: Eine Person schleppt sich zu Tode an 150.000 Büchern. So viele werden nämlich gleich mit Kindle mitgeliefert. Eigentlich eine geniale Idee – Menschen, die nicht so gerne lesen, haben auf einmal keinen Grund mehr für ihre Unbelesenheit. Menschen, die gerne lesen, können jederzeit auf ihre Lieblingsbücher zugreifen. Kein Gepäckaufschlag an Flughäfen mehr. Eine wesentlich leichtere Handtasche. Ja, eigentlich eine ganz tolle Sache.
Aber kennt Ihr das, wenn Ihr jemanden seht, der Everybody’s Darling ist und auch keinerlei Anlass gibt, ihn nicht zu mögen? Und trotzdem könnt Ihr diese Person auf den Tod nicht ausstehen. So geht es mir mit Kindle.
Schlimm für mich an der ganzen Situation ist, dass ich meine Antipathie so schlecht verargumentieren kann. Pah, war mein erster Einwand, vom Lesen am Bildschirm schmerzen Einem doch recht schnell die Augen. Mein Bruder nahm mir jedoch ganz schnell den Wind aus den geblähten Nüstern, indem er mich ein wenig über die Kindle-Technologie aufklärte. Hier kommen nämlich die Magnete ins Spiel. Es gibt zahlreiche davon, die sich bei jedem Blättern neu ausrichten und so die Buchstaben bilden. Es gibt kein Flimmern, da es sich ja um keinen Monitor im herkömmlichen Sinne handelt und die Augen sind entspannter denn je. Außerdem geht es so auch sehr sparsam mit Energie um, da das Bild nicht ständig nachgeladen werden muss. Millionen von Bäumen müssen nicht mehr gefällt werden und wir können die Schuld für das Waldsterben endgültig auf Chinas Essstäbchen-Industrie schieben.
Toll. Und schon stehe ich da als Buhmann der Nation, auf gleicher Stufe mit den Verächtern von Galileos und Da Vincis Visionen. Die Erde ist eine Scheibe, kein Mensch wird je einen Computer zuhause benutzen und E-Books sind ein Verrat an der Kultur des Menschen. Ja, ich komme mir ganz schön schlecht und mächtig verwirrt vor.
Nein, ich bin definitiv kein Gegner von Innovationen und zukunftsweisenden Technologien. Aber ich denke daran, wie schön es ist, Regale voller Bücher daheim zu haben – auch wenn das bedeutet, dass beim nächsten Umzug sehr viele Fäkalwörter fallen werden. Ich denke daran, welches Gefühl es ist, in einem Buchladen zu stehen und sich wie ein kleines Kind beim Anblick der Geschenke unter dem Weihnachtsbaum zu fühlen. Wie erlebnisreich Umblättern sein kann. Wie ein nagelneues Buch riecht. Oder daran, wie gerne ich gebrauchte, mit Kommentaren versehene Bücher in der Hand halte.
Ja, sagt mein Bruder da wieder, bei einem E-Book kannst Du auch Kommentare einfügen.
Was ist mit Eselsohren? war meine Frage.
Klar, virtuelle Eselsohren eben. war die Antwort.
Virtuelle Eselsohren? Virtuelle Eselsohren?? Das hat mich echt geplättet. Vielleicht auch nur, weil ich das Buch bisher für ein unantastbares Medium gehalten habe. Ein Medium, das immer so bleiben wird, wie es ist und selbst in einem Science-Fiction-Film nicht wie ein Fund aus einer fernen Vergangenheit aussehen würde.
Da frage ich mich, ist jede sinnvoll erscheinende Innovation auch wirklich notwendig? Hey, welches Medium hat es denn sonst noch geschafft, Gott und Nietzsche in einem Raum unterzubringen ohne dass es Tote gibt? Oder Stalin und die Mutter Teresa? Höre ich mich jetzt leicht hysterisch an, wenn ich befürchte, dass irgendwann alle Bibliotheken in den Boden gestampft werden? Ich stelle mir nur einen Autor vor, der, statt sein Erstlingswerk verstohlen im Bücherladen um die Ecke zu kaufen, ein Pdf im Internet herunterlädt. Pfui, bei dem Gedanken wird mir ganz schlecht.
Wahrscheinlich werde auch ich in zehn Jahren mit einem E-Book im Handgepäck eine Zugfahrt antreten. Weil wir Menschen eben so sind. Weil wir zunächst das Handy verteufeln und ein paar Jahren später hat jedes zweite Kleinkind eines dieser Geräte in der Tasche. Weil wir die Erde für eine Scheibe halten und nachher ist es völlig gleich, in welche Richtung man ans andere Ende der Welt fliegt.
Aber bis dahin schreibe ich es mir auf die Fahne, jeden Menschen, der mir über den Weg läuft, von der Einzigartigkeit des Buches in seiner gedruckten Form zu überzeugen. Und wer weiß, vielleicht kapituliert Amazon eines Tages ja.
Viva la Revolución!
...von . 9. November 2009 um 11:57. Schublade: wortpolonaise Socken: amazon, bücher, kindle.









von affe zu affe
ich finde das auch relativ unheimelich. ja unheimelich. nicht unheimlich.
so ein buch ist fest und auch weich, warm und hat irgendwas organisches an sich. das wär ein grund für mich, beim guten alten buch zu bleiben.
aber ich wette, das kriegen die ingenieure auch noch hin. und wie du schon sagst… irgendwann wird es wohl doch überschwappen und die leute haben alle ein e-book.
das mit dem energie und papier sparen find ich ja ne super sache. so hab ich das noch gar nicht gesehen
Ich denke Du machst gerade eine ganz natürliche, menschliche Reaktion durch, die ich schon bei einigen Buchliebhabern in letzer Zeit beobachten durfte.
Diese Reaktion dürfte bei jeder größeren Medien-Umwelzung statt gefunden haben. Von Mund-zu-Mund über gedruckte Buchstaben bis hin zum bewegten Bildern.
Doch wir werden uns damit abfinden müssen: Menschen werden wohl in Zukunft auf uns zurück blicken und uns schmunzelnd als die “Papier- und Ölmenschen” bezeichnen.
Rein objektiv betrachtet (sobald die Reader mal eine wirklich menschen-gerechtere Schnittstelle bekommen) bietet das Buch nicht wirklich einen Vorteil.
Ich denke dem Buch steht eine ähnliche digitale Transformation bevor, wie sie die Musik schon hinter sich hat. Auch hier hat das Vinyl in einer Nische überlebt. Ähnlich wird es dem Gedruckten wohl auch blühen. Für den täglichen Einsatz wird das Papier aber wohl bald nicht mehr rentabel erscheinen.
Richtig spannend wird’s aber erst dann, wenn wir uns von den alten Medien-Metaphern lösen. Wenn das Buch neue Formen annehmen wird. Schliesslich ist es mit den neuen Ausgabeformen auch möglich, unendliche Bücher zu schreiben oder Bücher, die sich mir je nach Laune anders darstellen. etc. pp.
Wer weiss, vielleicht verlegst Du Dein Blog in Zukunft auf dem Kindle der 5. Generation und ich kann Samstag damit beim Frühstück über die neueste Monkey-Anekdode schmunzeln… Für Dr. Diggins würde ich mir das jedenfalls wünschen
Bis dahin…
REPLY:
Ja, du hast mit alldem recht.
Aber ich muss doch noch anmerken, dass das Buch eine längere Lebensspanne als die Schallplatte hat. Wir Menschen hatten Jahrtausende Zeit, uns an die Haptik von Pergament und Papier zu gewöhnen und deswegen hoffe ich einfach, dass dieses Medium stark genug ist, sich gegen einen Plastikkasten durchzusetzen.
Es muss erst etwas wirklich Besonderes kommen, dass dem Vielseiter seinen Thron streitig machen darf. Und ich hoffe, dass ich das nicht mehr mitbekomme (schließlich will ich nach wie vor ein Antiquariat eröffnen).
Mein Blog auf Kindle..ja damit kann ich leben..aber das ist ja auch ein Inhalt, der schon immer im Netz war und nie für schnödes Papier gedacht war.
See you, Doctor!
REPLY:
Ich liefere der Gegenseite auch noch Argumente.