Willkommen auf dem Wortspielplatz! Hier geht es um alles, doch nichts Banales. Allenfalls Bananen. Hier geht es um Worte. Schöne Worte, hässliche Worte, aber immer in ihrer schönsten Form: dem Satz. Und davon gleich mehrere!

Das Kindle-Komplott.

Was für Jesus Judas war, ist heute Amazon für mich. Ich fühle mich gerade stark verraten von dem Büchermagnat, der mit winzig kleinen Magneten mein heiles Bild von der Welt der Bücher zerstört. Wer es noch nicht mitbekommen hat, Amazon hat sich den E-Book-Anhängern angeschlossen und vor kurzem selbst ein solches Anti-Buch herausgebracht: Kindle. Das kleine Wunderwerk ist nichts anderes als eine tragbare Bibliothek. Toll, oder? Man stelle sich das bildlich vor: Eine Person schleppt sich zu Tode an 150.000 Büchern. So viele werden nämlich gleich mit Kindle mitgeliefert. Eigentlich eine geniale Idee – Menschen, die nicht so gerne lesen, haben auf einmal keinen Grund mehr für ihre Unbelesenheit. Menschen, die gerne lesen, können jederzeit auf ihre Lieblingsbücher zugreifen. Kein Gepäckaufschlag an Flughäfen mehr. Eine wesentlich leichtere Handtasche. Ja, eigentlich eine ganz tolle Sache.

Aber kennt Ihr das, wenn Ihr jemanden seht, der Everybody’s Darling ist und auch keinerlei Anlass gibt, ihn nicht zu mögen? Und trotzdem könnt Ihr diese Person auf den Tod nicht ausstehen. So geht es mir mit Kindle.

Schlimm für mich an der ganzen Situation ist, dass ich meine Antipathie so schlecht verargumentieren kann. Pah, war mein erster Einwand, vom Lesen am Bildschirm schmerzen Einem doch recht schnell die Augen. Mein Bruder nahm mir jedoch ganz schnell den Wind aus den geblähten Nüstern, indem er mich ein wenig über die Kindle-Technologie aufklärte. Hier kommen nämlich die Magnete ins Spiel. Es gibt zahlreiche davon, die sich bei jedem Blättern neu ausrichten und so die Buchstaben bilden. Es gibt kein Flimmern, da es sich ja um keinen Monitor im herkömmlichen Sinne handelt und die Augen sind entspannter denn je. Außerdem geht es so auch sehr sparsam mit Energie um, da das Bild nicht ständig nachgeladen werden muss. Millionen von Bäumen müssen nicht mehr gefällt werden und wir können die Schuld für das Waldsterben endgültig auf Chinas Essstäbchen-Industrie schieben.
Toll. Und schon stehe ich da als Buhmann der Nation, auf gleicher Stufe mit den Verächtern von Galileos und Da Vincis Visionen. Die Erde ist eine Scheibe, kein Mensch wird je einen Computer zuhause benutzen und E-Books sind ein Verrat an der Kultur des Menschen. Ja, ich komme mir ganz schön schlecht und mächtig verwirrt vor.

Nein, ich bin definitiv kein Gegner von Innovationen und zukunftsweisenden Technologien. Aber ich denke daran, wie schön es ist, Regale voller Bücher daheim zu haben – auch wenn das bedeutet, dass beim nächsten Umzug sehr viele Fäkalwörter  fallen werden. Ich denke daran, welches Gefühl es ist, in einem Buchladen zu stehen und sich wie ein kleines Kind beim Anblick der Geschenke unter dem Weihnachtsbaum zu fühlen. Wie erlebnisreich Umblättern sein kann. Wie ein nagelneues Buch riecht.  Oder daran, wie gerne ich gebrauchte, mit Kommentaren versehene Bücher in der Hand halte.

Ja, sagt mein Bruder da wieder, bei einem E-Book kannst Du auch Kommentare einfügen.

Was ist mit Eselsohren? war meine Frage.

Klar, virtuelle Eselsohren eben. war die Antwort.

Virtuelle Eselsohren? Virtuelle Eselsohren?? Das hat mich echt geplättet. Vielleicht auch nur, weil ich das Buch bisher für ein unantastbares Medium gehalten habe. Ein Medium, das immer so bleiben wird, wie es ist und selbst in einem Science-Fiction-Film nicht wie ein Fund aus einer fernen Vergangenheit aussehen würde.
Da frage ich mich, ist jede sinnvoll erscheinende Innovation auch wirklich notwendig? Hey, welches Medium hat es denn sonst noch geschafft, Gott und Nietzsche in einem Raum unterzubringen ohne dass es Tote gibt? Oder Stalin und die Mutter Teresa? Höre ich mich jetzt leicht hysterisch an, wenn ich befürchte, dass irgendwann alle Bibliotheken in den Boden gestampft werden? Ich stelle mir nur einen Autor vor, der, statt sein Erstlingswerk verstohlen im Bücherladen um die Ecke zu kaufen, ein Pdf im Internet herunterlädt. Pfui, bei dem Gedanken wird mir ganz schlecht.

Wahrscheinlich werde auch ich in zehn Jahren mit einem E-Book im Handgepäck eine Zugfahrt antreten. Weil wir Menschen eben so sind. Weil wir zunächst das Handy verteufeln und ein paar Jahren später hat jedes zweite Kleinkind eines dieser Geräte in der Tasche. Weil wir die Erde für eine Scheibe halten und nachher ist es völlig gleich, in welche Richtung man ans andere Ende der Welt fliegt.
Aber bis dahin schreibe ich es mir auf die Fahne, jeden Menschen, der mir über den Weg läuft, von der Einzigartigkeit des Buches in seiner gedruckten Form zu überzeugen. Und wer weiß, vielleicht kapituliert Amazon eines Tages ja. ;)

Viva la Revolución!

...von monkeyeve. 9. November 2009 um 11:57. Schublade: wortpolonaise Socken: , , .


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4 Meinungen

von affe zu affe

Keine Rampensau? Der Affe freut sich auch über elektronische Post.

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