Willkommen auf dem Wortspielplatz! Hier geht es um alles, doch nichts Banales. Allenfalls Bananen. Hier geht es um Worte. Schöne Worte, hässliche Worte, aber immer in ihrer schönsten Form: dem Satz. Und davon gleich mehrere!

Ein Frosch packt aus.

Liebe Kinder, was ich jetzt erzähle, ist eine Metapher, ein Beispiel – aber ganz bestimmt kein Kochrezept! Daher probiert es nicht daheim an Muttis Herd aus, sondern glaubt mir einfach.

Wenn man einen Frosch in kochendes Wasser wirft, springt der Gute einfach wieder raus. Setzt man den kleinen Grünen aber in lauwarmes Wasser, das so langsam wärmer wird, schwimmt er munter weiter und freut sich über die steigenden Temperaturen wie eine Frostbeule über die globale Erwärmung. Wenn er dann plötzlich tot* ist, denkt der Frosch (auch das ist eine Metapher, liebe Kinder, tote Frösche denken nicht!): “Scheiße. Doch kein Whirlpool.”

Sind wir nicht alle ein bisschen Frosch?

Je langsamer Veränderungen vonstatten gehen, desto williger sind wir, sie zu akzeptieren. Das liegt wohl daran, dass wir schlicht und ergreifend nichts von der schleichenden Wandlung merken. Gestern noch Hippie, heute Banker. Wird er eines Tages, wenn er in den Spiegel schaut, denken: “Wo sind all die Haare hin?”. Wohl kaum.
Vermutlich fällt es ihm erst dann auf, wenn seine Kinder die alten Fotos auf dem Dachboden entdecken und auf einmal eine neue Verhandlungsgrundlage fürs späte Heimkommen haben (“Ich darf nicht nach 10 heimkommen aber Du warst bei Woodstock dabei!”). Wie der Hippie-Banker werden auch wir uns sicherlich eines Tages fragen, wann wir uns so verändert haben.

Aber Veränderungen müssen ja nichts schlechtes an sich haben – gut ist jedoch, wenn man sich dessen bewusst ist, dass man plötzlich in eine andere Richtung schaut (das haben 180 Grad-Wendungen nun mal so an sich).

Wohin dieser Text will: Ich mokiere mich ein wenig darüber, dass so viele Menschen einerseits panische Angst vor dem gläsernen Menschen schieben, aber ihr Privatleben  andererseits bereitwillig im Internet prostituieren. Da wird getwittert, geflickrt und gebloggt. War das schon immer so? Die Antwort ist ein klares Nein.

Ich als Vertreter dieser seltsamen Generation, die sich ihr Geburtsdatum mit dem Internet teilt, kann mich noch an Zeiten erinnern, in denen die Anonymität des Internets extrem ausgereizt wurde und man sich noch mit künstlerisch wertvollen Nicknames wie Sunnybunny76 maskierte. Damals war gerade das die Besonderheit der unendlichen Bitweiten.
Nicht dass es die anonymen Surfer nicht mehr gäbe – wo käme denn dann die Pornoindustrie hin? – aber irgendwann hat es Mitternacht geschlagen und auf einmal entledigten sich die Protagonisten still und heimlich ihrer Masken. Auf einmal weiß ich von Myspace, dass Samantha aus Toronto am liebsten die Hemden ihres Freundes trägt – einen Klick später sagt mir Twitter, dass ihr Freund sie soeben verlassen hat, Facebook zeigt mir, wie sie ihren Beziehungsstatus ändert – in ihrem Blog heult sie sich im Kreise ihrer Freundinnen und dem Rest der Welt die Augen aus und schließlich stellt sie bei Youtube ein Video ein, in dem sie genussvoll seine Hemden zerschneidet. Vergeltung ist süß und seit neuestem auch offensichtlich.

Sind wir alle auf einmal zu Exhibitionisten geworden oder werden wir tatsächlich von Orwell verfolgt?

Ich glaube, wir haben über Payback-Diskussionen und Big-Brother-Dystopien den Überblick verloren. Wir wissen, dass wir unsere Daten nicht hergeben wollen – tun es aber trotzdem, ob bewusst oder unbewusst. Der Datenklau lauert überall und ist schwer kontrollierbar. Wenn ich heute eine Email-Adresse anmelde, habe ich spätestens nach einer Woche Mails im Kasten, die mir Rundumerneuerungen, kleine blaue Pillen und eine thailändische Haushälterin verkaufen wollen. Außerdem bin ich der tausendste Besucher einer Website. Ganz ehrlich.
Vor zehn Jahren habe ich mir noch den Kopf zerbrochen, woher die Ostblock-Zuhälter auf einmal meine Email-Adresse herhaben – heute gibt es dafür den Spamordner. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Mir wurde einmal von jemandem eindrucksvoll demonstriert, wie einfach ich zu googlen bin. Innerhalb von 20 Minuten wusste dieser Mensch meinen vollen Namen, meine Adresse, welche Bücher ich mir wünsche, was ich so bei Ebay einkaufe usw. Man kann mir mangelnde Vorsicht kaum vorwerfen, aber da blieb mir echt die Spucke weg. Ich hab einige Zeit gebraucht, um diese Spuren loszuwerden.
So ganz sicher bin ich mir heute immer noch nicht, denn so einfach ist das leider nicht. Jeder Klick hinterlässt eine Spur im Internet, jeder Kreditkarten-Einkauf einen Eintrag in den Netzen der CIA. Jedes hochgeladene Bild ist noch lange nicht gelöscht, nur weil man auf den Button “Bild löschen” geklickt hat.

So, jetzt haben wir beide Seiten: den bösen Unbekannten, der uns das Privatleben aus den Fingern saugt und uns selber, wie wir es ihm als Opfer darbringen. Die Frage ist: Wer ist schuld?

Ich vermute stark, dass Aliens still und heimlich die Weltmacht übernommen haben und sich in unsere Führungskräfte transformiert haben. Schließlich würden wir uns sowas doch niemals selber antun. Jeder weiß doch, dass wir Menschen keinerlei selbstzerstörerische Kräfte hegen.

Oder?

* Bei diesem Blog sind keine Tiere zu Schaden gekommen. Im Gegenteil: durch diese Pressearbeit konnte der Frosch einen gewaltigen Anschub seines Markenimages verzeichnen und geht mit seinem Unternehmen demnächst an die Börse. Der schauspielerisch begabte Grünhäuter ist wohlauf und veräppelt eifrig verzweifelte Prinzessinnen.

...von monkeyeve. 7. Dezember 2009 um 17:35. Schublade: wortpolonaise Socken: , , .


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1 Meinung

von affe zu affe

Keine Rampensau? Der Affe freut sich auch über elektronische Post.

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