Willkommen auf dem Wortspielplatz! Hier geht es um alles, doch nichts Banales. Allenfalls Bananen. Hier geht es um Worte. Schöne Worte, hässliche Worte, aber immer in ihrer schönsten Form: dem Satz. Und davon gleich mehrere!

Rassismus rostet.

Morgens vor dem Spiegel sind alle Menschen gleich.
Wer würde in diesem Augenblick, wenn der Seelen-Striptease von letzter Nacht nochmal eine Zugabe gibt, Witze über die eigene Nationalität machen? Huch, eine Deutsche, so kann ich heute aber nicht zur Arbeit gehen.
Da wird nicht der Pass rausgeholt und zwischen Zähneputzen und Haarebürsten über den Zweiten Weltkrieg diskutiert. Nein, man mäkelt über schlechten Atem, schlecht sitzende Haare und schlecht sitzende Haut.

Nicht dass schlecht sitzende Haare noch nie ein Anlass für Spott gewesen wären – doch das ist ein Debakel, das sich schnell mit einem Friseurbesuch beheben lässt. Ein Vaterlandswechsel ist dagegen etwas ganz anderes: Wen gibt es denn in der Fußgängerzone, der ein Nationalitäten-Makeover für 10 € anbietet?

Ja, vor dem Spiegel sind wir Deutschen frei von unserer Nationalschuld, von Schwarzwaldhüten und frei von Weißwurst-Assoziationen. Wir sind einfach nur Menschen. Ich frage mich, warum kann das nicht den ganzen Tag so sein?
Die Antwort ist einfach: Weil wir eine Maske auflegen, oder besser gesagt, eine Brille aufsetzen. Und durch diese Brille betrachten wir Menschen ganz anders. Aber im Gegenzug werden auch wir durch diese schwarze Brille be- und verurteilt.
Wir bekommen sie schon ganz früh in die Hand gedrückt, meist von der kleinen Lisa im Sandkasten. Hey, raunt sie einem zu, der Mehmet ist Türke. Türken stinken.
So. Warum Türken nun stinken (meinte sie den Knoblauch? ich mag Knoblauch), weiß ich bis heute nicht, aber nachdem ich in Lisas wissendes Gesicht blickte, meinte ich auch, die Nase ein wenig rümpfen zu müssen. Zu meinem Glück kann ich sagen, dass ich recht schnell wieder auf den Teppich geholt wurde, denn in einem urdeutschen Dorf kann man nicht spurlos einen russischen Namen tragen.

Interessant, nicht nur Kleider machen Leute, sondern auch Namen. Wir identifizieren also Mehmet als Türken, Giovanni als Italiener, Francois als Franzosen – und Jaqueline, Marcel und Chantal als Ostdeutsche.

So widersprüchlich es auch klingen mag, Rassismus kennt keine Grenzen. Vor nichts macht diese Weltkrankheit halt. Kaum haben wir ein Makel an einer Person entdeckt, offenbaren wir selber zwei andere dafür. Eine Freundin erzählte mir neulich, wie sie vor vielen Jahren beim Rucksackreisen durch Irland zwei Juden kennenlernte. Diese bombardierten sie und ihre Begleiterin erst einmal mit den geballten Ausmaßen ihrer Nachkriegsschuld und dem schrecklichen Deutsch-Patriotismus des Dritten Reiches. Während die Mädels noch vor Gram vergingen und schuldbewusst nickten, fingen die jungen Männer an, in alle Richtungen zu schießen. Auf einmal waren Palästinenser und Muslime an die Zielscheibe getackert. Als meine Freundin es wagte, die Frage zu stellen, warum dieses Verhalten nun nicht der eben angeprangerte Rassismus sei, erntete sie nur verständnislose Blicke.
Ja, wir Menschen zeigen gern auf andere Schwarze-Brillenträger, ohne zu bemerken, dass unsere Sicht auch ziemlich getrübt ist.

An dieser Stelle: Warum habe ich jetzt eigentlich schon wieder ein schlechtes Gefühl, weil das Wort Jude in meinem Artikel auftaucht? Dabei hätte ich genauso von Italienern erzählen können, die einen Deutschen anhupen, weil er auf der Via zu langsam fährt. Mit der Deutschland-Fahnen-Diskussion der letzten WM möchte ich gar nicht erst anfangen. Allein schon die Tatsache, dass das leichte Aufflackern eines gesunden Patriotismus zum Thema wurde, ist ein großer Kindergarten, in dem sich Lisa sicherlich sehr wohl gefühlt hätte.

Dieses verbohrte Schubladendenken ist dafür verantwortlich, dass die Schweizer uns mit Peer Steinbrück in eine Kiste stecken, wir die Italiener schnell mit der Mafia in Verbindung bringen und einem Polen nie unser Auto ausleihen würden. Wir lieben Klischees. Oh, und es gibt so viele Schubladen! Gehen wir einmal weg von dem völkermordenden Original des Rassismus und schauen wir mal in die anderen Schubladen hinein.
Da wird gedisst, was das Zeug hält. Blondinen sind dumm, Individualisten mobben den Mainstream, Katz hasst Maus.
Wer sich noch nie bei einem solchen Gedanken ertappt hat, der werfe den ersten Stein. Ich hoffe für ihn, dass dann das Glashaus nicht einkracht, denn ich muss ja selber zugeben, dass mein persönlicher Rassismus bei Dieter Bohlen seinen Anfang nimmt.
Das ist die Ironie des Menschseins, denn gerade die Andersartigkeit ist das, was uns Menschen ausmacht. Ergo, fände Rassismus erst ein Ende wenn wir uns wie ein Ei dem anderen ähneln würde. Eine tolle Vorstellung.

Findet Ihr nicht auch, dass Rassismus als Modell der völkerübergreifenden Verständigung ausgedient hat? Es wird dringend Zeit für eine Neuauflage.

Ganz zum Schluss habe ich noch einen grandiosen Filmtipp: Welcome von Philippe Lioret. Es ist eine unheimlich anrührende Geschichte um einen jungen Iraker, der den Ärmelkanal schwimmend überqueren möchte, um zu seiner Freundin zu kommen. Eine Geschichte um illegale Einwanderer in Frankreich und Menschen, die diesen Menschen helfen möchten – aber nicht dürfen.
Der Schwimmlehrer des Jungen sagt an einer Stelle zu seiner Ex-Frau: Er ist 4000 Kilometer vom Irak nach Frankreich gelaufen und will jetzt bei zehn Grad minus zehn Stunden lang durch den Ärmelkanal schwimmen, nur um seine Freundin zu sehen und ich.. ich bin nicht mal über die Straße gegangen, um Dich zurück zu kriegen.

Toll. Für solche Sätze werden doch Filme gemacht, oder?

Wer also sehen möchte, wie ein Mensch, der nichts mit politischen Wirren am Hut hat, gerade deswegen leiden muss, obwohl er nur eines der wichtigsten Grundbedürfnisse erfüllen möchte, der sollte diesen Film ansehen. Lustig ist er nicht.

...von monkeyeve. 16. November 2009 um 21:00. Schublade: monkeysee, zeitgeister Socken: , .


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