Willkommen auf dem Wortspielplatz! Hier geht es um alles, doch nichts Banales. Allenfalls Bananen. Hier geht es um Worte. Schöne Worte, hässliche Worte, aber immer in ihrer schönsten Form: dem Satz. Und davon gleich mehrere!

Time-out

Neuerdings stehe ich morgens eine Stunde früher auf. Nicht etwa, weil der frühe Vogel den Wurm fängt oder aufgrund anderer halbgarer Lebensweisheiten (wie etwa “Morgenstund hat Gold im Mund” – im Altersheim russischer Rentner vielleicht!), sondern weil ich meine Zeit verloren habe.

Das lässt sich ganz einfach erklären: Eines Tages hatte sich meine heißgeliebte Casio verstohlen von meinem Handgelenk gestohlen und eine verblüffende Leere hinterlassen. Verblüffend, weil ich nie gedacht hätte, dass mir meine Zeit so fehlen könnte, nachdem ich davor gut zehn Jahre ohne Uhr auf dieser Erde verbracht hatte. Außerdem verblüffend, weil ich immer wieder auf mein zeitloses Handgelenk starrte und mich verwirrt fragte, was ich nun tun sollte.

Da entsann ich mich: Früher hatte ich allerhand Tricks zur Hand gehabt, wie ich meiner Zeit Herr werden konnte. Ohne Uhr war ich immer pünktlich gewesen, aus Angst, zu spät zu kommen, es gab kein: “Ach, ich hab ja noch zwei Minuten.” Wenn draußen der Baulärm losging, wusste ich, jetzt musst Du zur Tür raus und der 42er durfte erst an mir vorbeifahren, wenn ich den halben Weg zur U-Bahn-Haltestelle hinter mich gebracht hatte. Erstaunlicherweise hatte mich die konkrete Zeit vor Augen sehr subjektiv werden lassen. Wenn Du rennst, schaffst Du es auch in zwei Minuten bis zur Bahn! Außerdem geht die Uhr an der Haltestelle zwei Minuten vor! Was soll ich sagen. Ich kam regelmäßig zu spät.

Ich kam ins Grübeln. War ich eine Sklavin der Zeit geworden und: Hatte ich zeitlos möglicherweise sogar mehr Zeit gehabt? War der kleine unscheinbare Big Ben in Taschengröße nichts anderes als ein Handy fürs Handgelenk, das uns von jeder Verantwortung freispricht?

Doch der Zeitgeist hatte mich bereits fest in seinem unerbittlichen Griff und so stellte ich die ganze Wohnung auf den Kopf, um die verlorene Zeit wieder gut zu machen. Es war vergeblich und ich hatte mich schon fast an den Gedanken gewöhnt, lauschte morgens wieder aufmerksam gen Stuttgart 21 (besagter Baulärm) und hielt Ausschau nach dem Es-ist-42-nach-Bus.

Ich blickte schließlich immer seltener auf mein Handgelenk, bedeckte es stattdessen vorsorglich mit zeitgemäßem Armschmuck, um das Manko zu verdecken. Doch eines müden Morgens packte mich der frühe Vogel  (besser früh als spät!) und kämpfte meinen saumüden Schweinehund darnieder, um mich durch den Schlossgarten joggen zu lassen. Da machte sich der Zeitverlust bemerkbar: besagtes Vögelchen piepste aus einer Wohnungsecke und mir schossen die Tränen in die Augen. Ich hatte meine Zeit wiedergefunden!

Aber so einfach war es nicht, der Zeitgeist in Form meines Weckers (als ich die Uhr verloren hatte, hatte ich auch einen Anfall von Wurmfängerei, daher war der Quälgeist eine Stunde früher gestellt als gewöhnlich) spukte nur fünf kurze Sekunden. Keine Zeit, sich auch nur im geringsten zu orientieren. Ich hatte meine Zeit, aber wo??

Es kam wie es kommen musste: Ich stand allmorgendlich eine Stunde früher auf, wie das weiße Kaninchen ohne seine Uhr, nervös und zitternd, die Lauscher aufgesperrt. Ich hörte es, das Piepsen. Und jeden Morgen grenze ich das Suchgebiet weiter ein, lausche dem Ruf aus der Vergangenheit und versuche der Zeit-Raum-Verschiebung Herr zu werden. Das Leben hat echt Humor: ich muss Zeit investieren, um welche dazu zu gewinnen. Jeder Zeitmanager würde mir ob dieser Erkenntnis mit seinem Filofax stolz auf die Schulter klopfen.

Verdutzt fragte meine Mitbewohnerin mich heute morgen, als ich wieder  angestrengt lauschend im Bad verharrte: Was hast du denn hier verloren? – Meine Zeit, lag mir schon auf der Zunge und da wurde mir bewusst, wie sehr das eigentlich zutraf. In diesem Raum hatte ich schon oft Zeit verloren, davor hatte mich auch keine Uhr bewahren können.

Wie meine Oma schon sagte: Man hat soviel Zeit wie man sich nimmt.

p.s. Meine Zeit habe ich tatsächlich wiedergefunden und daher auch die Zeit, wieder ein wenig zu schreiben.

...von monkeyeve. 26. August 2010 um 13:15. Schublade: luftarchitektur, zeitgeister.


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