Willkommen auf dem Wortspielplatz! Hier geht es um alles, doch nichts Banales. Allenfalls Bananen. Hier geht es um Worte. Schöne Worte, hässliche Worte, aber immer in ihrer schönsten Form: dem Satz. Und davon gleich mehrere!

Von der Muse geküsst.

Die Geschichte von Bianca und Sierra klingt wie ein modernes Märchen, ein bisschen wie das Doppelten Lottchen. Sierra wird in Iowa geboren, Bianca auf Hawaii, beide haben die selben Eltern (natürlich hätte ich sie gleich als Schwestern bezeichnen können, aber wo bleibt da die Poesie?). Als Sierra 14 ist, werden sie voneinander getrennt. Sie kommt auf ein Internat, studiert danach in Paris Gesang während Bianca in Amerika bleibt. Zehn Jahre später macht Bianca eine Weltreise und besucht ihre Schwester in Paris. Als wären sie nie getrennt worden, beginnen die beiden Musik zu machen. Dabei erinnern sie sich an die Namen, die ihnen ihre Mutter in Kindertagen gegeben hatte: Coco und Rosie. Rosie beatboxt und spielt auf der Harfe, Coco singt. Dabei kommen ungewöhnliche Instrumente zum Einsatz: Kinderspielzeug, Popcornmaschinen, ein Föhn.

Es ist wirklich ein bisschen wie die Geschichte von den Zwillingen, die sich nach Jahren wiederfinden und feststellen, dass sie sich auch getrennt voneinander so entwickelt haben, dass sie perfekt miteinander harmonieren. Wenn ich mir die Musik anhöre, denke ich jedoch an ein ganz anderes Märchen – an Alice im Wunderland. Die verzerrten, kindlichen Stimmen, die psychedelischen Klänge, der gechillte Beat – da sehe ich den Hutmacher um die Ecke schauen, die Grinsekatze verzückt grinsen und Humpty Dumpty von der Mauer fallen.

Als ich die Beiden im Juli zum ersten Mal live erlebte, war mir also sofort klar, wer dieses Jahr meine Nummer Eins ist. Alle anderen Konzerte davor waren plötzlich nur mehr Synapsenmüll.
Doch Irren ist menschlich. Denn vor knapp drei Tagen hat es eine Band geschafft mit den zwei Halb-Indianerinnen gleich zu ziehen. Ich wage es sogar, die drei Briten als den bösen Zwilling von CocoRosie zu bezeichnen.

Matt, Dom und Chris haben das Wunder vollbracht, dass ich letzten Freitag in einer Halle mit 14.999 anderen Menschen ekstatisch auf und ab hüpfte. Ohne Musik dazu dürfte das vergleichsweise lächerlich ausgesehen haben. Doch die Musik war da und so musste alles geschüttelt werden, was der liebe Gott uns gegeben hat. Ich muss gestehen, ich war vor Glück sogar den Tränen nahe. Unsere Generation hat nun mal kein Woodstock oder einen Mauerfall, wir brauchen ein Surrogat und eine passende Entschuldigung für Massenhysterie. Aber das ist auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass Muse von Musikgöttern wie Rachmaninow, Jimi Hendrix und Freddy Mercury beeinflusst ist. Man stelle sich diese Drei in einer Band vor,gebe ein paar gute Gitarren, eine ordentliche Portion Melancholie und eine Prise Drama hinzu und schon hat man, was ich am Freitag erleben durfte. Wenn ich mir jetzt die Videos anschaue, bin ich neidisch auf mich selber.

Doch kein Rock-Konzert ohne Pöbler: Hinter mir (ja, ätsch, hinter mir) beschwerte sich ein Fan über die “Kommerzscheisser”, die es wagten, sich vor ihn zu drängen, wo er doch schon fünf Stunden vor Einlass bibbernd an die Pforte geklopft hatte. An dieser Stelle verweise ich auf auf meinen letzten Blog (Rassismus rostet) und lache mir natürlich ins Fäustchen – denn ich war erst knapp eine Stunde vorher da. Wahrscheinlich komme ich jetzt seiner Meinung nach in die Muse-Hölle, weil nur wahr, ungewaschene (und wahrscheinlich erkältete) Fans einen Platz im Olymp verdienen. Da ich zu dem Thema Hygiene eine etwas andere Beziehung als er hatte und die zweite Reihe ja schon quasi eine Art Vorparadies ist, gab der Gute sein Bestes, um mich von dort weg zu befördern, soll heißen, es wurde heftig gepogt.
Pogen, das ist doch auch so eine Sache, von der keiner weiß wie sie entstanden ist, oder? Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass wir Menschen pogen, weil wir einfach nicht dazu fähig sind, in einem konstanten 90°-Winkel zum Boden hoch zu hüpfen. Bei unseren kläglichen Versuchen, diesen Evolutionsfehler auszubügeln, rempeln wir ständig unsere Mithüpfer an. Die fühlen sich auf den Fuß getreten und geben es prompt auf, geometrisch korrekt zu hüpfen. Und schon pogt und wogt die Masse wild herum.
Es sollte sowieso Ellpogen heißen, wenn ich die vielen blauen Flecken an meinem Rücken betrachte (zerbrecht Euch ruhig den Kopf darüber, wie ich das mache). Jetzt weiß ich auch, warum wir Frauen als das schwache Geschlecht bezeichnet werden. Zumindest beim Pogen sind wir nämlich diejenigen, die als Erste rumgeschubst werden. Da die Emanzipation bei Rock-Konzerten wenig erfolgreich ist, blieb mir also nur eines übrig: den Angreifern die kalte Schulter zeigen. Schön den Blick nach vorne richten und Matthew Bellamy anhimmeln. Wobei ich an dieser Stelle sagen muss, dass ich wirklich lieber eine Gitarre als ein Kind von ihm hätte.

Es erstaunt mich immer wieder, dass so viele große Künstler echt kleine Körperabmessungen haben(man denke an Helge Schneider). Wahrscheinlich haben wir es hier mit dem Geheimnis der Genies zu tun: das normale Maß an Genialität passt einfach nicht in diese schmächtigen Körper. Wenn sie also aus reinem Platzmangel etwas davon raus lassen, entstehen so großartige Dinge wie Sunburn, Käsebrot und die Relativitätstheorie.

Das heißt für mich als relativ großen Menschen wiederum, dass ich zukünftig nicht in die Geschichtsbücher und Foren dieser Welt eingehen werde.

Was soll’s, ich stehe sowieso lieber in der zweiten Reihe und tanze wild zu dem Takt, den mir diese Genies vorgeben.

...von monkeyeve. 23. November 2009 um 18:03. Schublade: monkeyhear, wortpolonaise Socken: , , , .


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