Diesen Blog wollte ich schon vor nahezu drei Monaten schreiben, doch statt in Buchstaben umgesetzt zu werden, moderte der Titel vereinsamt in meinem Textprogramm vor sich hin. Diese nette Allegorie kam mir in den Sinn als ich kurz vor Weihnachten über den kleinen, lichterkettenverzauberten Weihnachtsmarkt am Nordbahnhof schlenderte. Dieser Winter dort war magisch, zwischen brennenden Fässern, beleuchteten Waggons und den ersten Schneeflocken, die sich in Zeitlupe in die Haare setzten. Zu allem Überfluss, ganz so als säße ein pedantischer Regisseur hinter meiner Lebenskulisse, schwebten auch noch die zarten Stimmen von Cocorosie durch die eisig kalte Luft. Es war einfach perfekt. So perfekt, dass ich nicht die richtigen Worte fand, um dieses Winterwunderland zu beschreiben. Diese kleine Schneekugel, durch die so wunderliche Gestalten wie eine in Plastikbänder gehüllte Prinzessin und ein verrückter Hutmacher aus dem Irak tanzten.
Doch siehe da, achtzig Tage später bekommen diese drei Worte eine ganz andere Dimension dazu. Winter Wonderland, pah. Ein makabrer Eishauch von Ironie weht jetzt durch den Titel. Wer nicht schon am Anfang der Schneemonate so deutsch war, dass er jede einzelne Schneeflocke mit einem Schimpfnamen bedachte, der tut das spätestens jetzt. Nun kommen wir uns mächtig betrogen vor, denn kaum strecken wir die blasse Nase den ersten Sonnenstrahlen entgegen, kommt aus heiterem Himmel ein Schneesturm herbei und reißt alle warmen Gedanken mit sich. Zurück bleiben wir und niesen empört.
Inzwischen haben wir zwar genug Salz, um mit den Schneemassen fertig zu werden, aber mit den Nerven sind wir am Ende. Ich würde mich nicht wundern, wenn Schnee zum Unwort des Jahres 2010 erklärt werden würde. Schon die bloße Erwähnung der kalten Pracht löst heiße Diskussionen aus, jede Kommunikation fängt derzeit mit einem bitterbösen Kommentar zu den Wetterverhältnissen an. Snow Talk statt Small Talk lautet die Devise.
Selbst wenn ich mich von aller Welt abschotten würde, würde die Motzlawine noch problemlos in mein warmes Wohnzimmer dringen, Twitter und Facebook machens möglich. Unmutige Statusmeldungen ebnen den Weg durch die matschige Meckerlandschaft. Die feinen Eiskristalle sind zu gehässig tickenden Schneebomben geworden.
Doch bevor mir nun die Tränen kommen und in den Augenwinkeln gefrieren, beende ich dieses sinnlose Lamento. Ich schließe meine Augen ganz fest (vor den Tatsachen) und wünsche mir nur eines – dass ich morgen aufwache und sage: “Das ist doch Schnee von gestern.”
...von . 11. März 2010 um 21:27. Schublade: wortpolonaise Socken: cocorosie, nordbahnhof, Stuttgart, winter.









von affe zu affe
Es hilft nur eins: Frühling im Kopf
http://www.drdiggins.com/2010/03/02/tape-147-le-soundclash-du-printemps/
P.S. Immer wieder ein Freude, der Affentalk!
REPLY:
Mir fehlen die Worte! Jeder Satz zerfliesst auf der Zunge. Dieser Artikel war die 80 Tage wert. Man könnte meinen Text modert nicht im Computer vor sich hin sondern reift wie in einem Fass. Ich möcht’ mich gerne überraschen lassen, vielleicht hast du noch einige solche Artikel die heranreifen wie ein guter Cognac.
Macht Lust auf weiterlesen
…
REPLY:
Lieber Docteur, sie gefallen mir alle beide – danke für die zartschmelzende Auswahl! Sommer im Ohr..
Lieber Anonymus, ich freue mich, dass es geschmeckt hat! Der Textkeller ist zwar ausgeräumt, aber der Frühling treibt ja bekanntlich immer wieder neue Keime.
was alle nur gegen den Schnee haben?!
Es gibt nichts Besseres, als einen Schneestrum unter tief liegenden Wolken aus einem Fenster in einem warmen Zimmer zu genießen. Oder durch einen tief verschneiten Wald zu stiefeln und die Stille, verursacht durch den dämmenden Schnee, zu spüren. Es lebe die Eiszeit!
REPLY:
Oh, ich mag den Winter gerne. Aber jetzt hätte ich gerne ne Eiszeit auf der Waffel.
REPLY:
gefällt mir! schöne bilder geschaffen!
auch wenn ich empört niese klatsche ich erfreut.
*klatschklatsch*